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Doninique Horwitz
"AHAB – vom Ungeheuren, ein Mensch zu sein"

Eine sinfonische Parabel nach dem Roman "Moby Dick"
von Herman Melville


Ein Titan steht an Deck. Er reckt die Faust und läuft Sturm gegen alles, das seiner Rachsucht im Weg steht. Gott und die Welt, das Meer, der Hass und der Wahnsinn umtosen ihn mit der Wucht eines fiebernden Orchesters. Und im Furor der eigenen Besessenheit stürzt er sich und die ihm untergebene Mannschaft in den Untergang.

In dem Projekt von Libor Sima (Komposition) und Martin Mühleis (Konzeption, Produktion und Textbearbeitung) ist es das Sinfonische Orchester, das die Klang gewordene Welt hervorbringt – eine Welt, die unauslotbar bleibt wie die Meerestiefen, eine rätselhafte, gewaltige, elementare Natur, die in ihrer Undurchdringlichkeit stets etwas Schreckliches besitzt. Einer Welt, die randvoll ist von Qual und Leid, in der das wechselseitige Töten eine nicht zu überschreitende Urtatsache darstellt: das Meer als der wahre metaphysische Ort. Und gleichzeitig Chiffre für eine Welterfahrung, die von Selbstsucht und Gewalt geprägt ist.

Das gewaltige Epos vom Rachezug gegen den weißen Wal ist eine Geschichte von homerischer, ja biblischer Größe. Alle Figuren haben in ihren individuellen Zügen exemplarisches Format. Und alle entwachsen dem Erzähler, Ismael, dem Ausgegrenzten. Er trägt den grenzlosen Hass und Wahn eines Ahab ebenso in sich wie die obrigkeitshörige und lähmende Korrektheit eines Starbuck, das Kannibalische eines Queequeg und die kindliche Angst des kleines Schiffsjungen Pipin. Jede dieser Figuren ist Symbol für Nuancen in der Vielfalt des Menschen. Seiner Ungeheuerlichkeit. Vor dem Hintergrund der aktuellen politischen und gesellschaftlichen Konflikte verweist die Geschichte auf die Sehnsucht nach Versöhnung und Respekt und zeigt einen Ausweg aus uralten Verhaltensmechanismen: von Aktion und Reaktion, von Schmerz und Vergeltung, von Unrecht und Gewalt. Wer AHAB begreift, versteht zugleich was Diktatur, was Massenhypnose, was Demagogie ist, kann lernen, die vorauseilende Bereitschaft zum Kampf gegen das vermeintlich Böse aufzukündigen, die Vereinnahmung zum ewigen Krieg. Die Psychologie eines AHAB enthält den Schlüssel zur Überwindung des ärgsten Übels der menschlichen Geschichte: der Perversion des „Guten“ zum Zwecke einer rechthaberischen „Gerechtigkeit“. Ismael hat überlebt, um diese Geschichte zu erzählen.

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(Foto: Christoph Hellhake)

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